Wieder nicht schwanger. Über ein besonderes Gefühl.

Gestern war wieder so ein Tag: Die Periode hat eingesetzt. Für mich, die ich jeden Monat hoffe, schwanger zu sein, ist der Moment der Erkenntnis mit besonderen Gefühlen und Gedanken verbunden.

Alle, die sich wünschen, schwanger zu werden, kennen diese Tage. Man geht auf Toilette, die Regel ist einen knappen Tag überfällig. Ich fühle mich seit dem Vorabend leicht beschwingt, sogar ein wenig angekribbelt von der Hoffnung, diesmal vielleicht schwanger zu sein. Ich will am liebsten schon in Babyplänen schwelgen, mir Namen überlegen, die Babysachen sichten… aber ich bin natürlich vernünftig – so oft ist die Regel einen, zwei, drei tage später gekommen als erwartet.

Und da ist sie, die jähe Erkenntnis, als ich den Slip herunterziehe: Die Periode hat doch eingesetzt. Und da beginnt das Rutschen. Denn dieser Moment fühlt sich so an, als ob ich ganz schnell eine dunkle Rutsche in eine tiefe braune Erdhöhle hinunter rutsche, mit so einem Sound begleitet, als ob eine Schallplatte verstummt. Zurück bleibt nur eine schwere Stille und ein ganz leises, fieses Fiepen im Ohr.

Und nachdem sich dieses Gefühl bleiern über meine Seele und meine Glieder gelegt hat, geht das Gedankenkarussell los. Hundert Stimmen reden auf mich ein: „Schon wieder, na typisch. Das wird ja nie mehr klappen….“ „Aber diesmal hatten wir doch am 10. und am 12. Tag Sex!“ „Das ist doch noch lange kein Grund, dass es klappt – auch in den Monaten davor hattet Ihr in der fruchtbaren Zeit Sex, und hat es da geklappt? Na? Mach Dir doch nichts vor – der Diabetes ist schuld! Außerdem hast Du Alkohol getrunken. Und überhaupt lebst Du doch viel zu stressig, Du MUSST einfach mehr runterschauten – so wird das nie was!“ „Aber ich habe mein Leben doch schon nach meinen Kräften entschleunigt….“ „Red Dir doch nichts ein! Du schaffst das nicht! Du bist schlecht! Du bist schuld!“

So ungefähr tönt es in meinem Kopf. Und es ist schwer, den Stimmen Einhalt zu gebieten. Ich weiß natürlich, dass die Stimmen destruktiv und wenig hilfreich sind. Ich sollte ihnen nicht zuhören. Denn es bringt mich nicht weiter, sondern zieht mich nur runter in diese blöde Erdhöhle, in der es mir schlecht geht.

So fühle ich mich an den Tagen, an denen die Tage kommen: Bedrückt, gesichtslos, selbst schuld.

Also atme ich einmal tief durch und verlasse die Toilette. Ich weiß, dass ich es mir nun gut gehen lassen sollte – ein feines Duftbad, etwas Schönes lesen, mich selbst umarmen, liebevoll zu mir selbst sein. Doch das fällt mir schwer. Denn ich habe mein ganzes Leben lang gelernt, dass ich mich am Riemen reißen muss, dass ich weitermachen muss, dass es nichts hilft. Da spielt natürlich auch der Diabetes eine Rolle, dieses ständige, stündliche, tägliche Aufraffen und Zusammenreißen, das schon zur inneren Haltung geworden ist. Die ist ja manchmal auch hilfreich (ich kann mich zum Beispiel sehr gut zur Erledigung unangenehmer Pflichten motivieren), aber für die Selbstliebe, das Selbst-Verzeihen, die Selbstfürsorge ist diese innere Haltung Gift. Wenn man sich immer nur zusammenreißt, wird es einem kalt und traurig zu Mute.

Also koche ich mir wenigstens einen Milchkaffee und wickele mir einen gemütlichen Schal um den Hals, bevor ich mich an den Schreibtisch setze.

Wer kennt diese Gefühle auch? Gelingt es Euch, Euch zu verzeihen und liebevoll zu Euch selbst zu sein?

 

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